Faktengeprüft & evidenzbasiert Tierärztlich geprüft

Dürfen Pferde Weizentortillas fressen?

Aktualisiert Jun 2026
Mit Vorsicht füttern

Besser weglassen – kein sinnvoller Futterbestandteil für Pferde

Weizentortillas bestehen hauptsächlich aus raffiniertem Weizenmehl, Salz, Fett und oft Konservierungsstoffen – alles Zutaten, die in der equinen Ernährung nichts zu suchen haben. Rasch fermentierbare Stärke gelangt im Übermaß in den Dickdarm und kann dort eine mikrobielle Dysbiose auslösen, die über Endotoxinfreisetzung zur gefürchteten Hufrehe führt. Ein einziges kleines Stück wird einen gesunden Warmblüter kaum gefährden, doch das Risiko steigt mit der Menge und der individuellen Vorbelastung des Tieres deutlich an. Wer auf Nummer sicher gehen will, greift stattdessen zu pferdegeeigneten Leckerlis.

Schweregrad
Niedrig
Toxische Dosis
Keine etablierte Toxikosisdosis; klinisches Risiko steigt ab ca. 50–100 g raffinierter Stärke pro 100 kg Körpermasse in einer Mahlzeit merklich an
Einsetzzeit
Verdauungssymptome: 30 Minuten bis 6 Stunden nach Aufnahme; Hufrehe-Schub: 12–48 Stunden verzögert möglich
Behandlung
Bei großer Aufnahme: tierärztliche Untersuchung, Überwachung auf Kolik- und Hufrehe-Zeichen; symptomatische Behandlung
Verantwortungsvoll füttern

Maß halten ist entscheidend

Weizentortillas sollte pferde nur in kleinen, seltenen Mengen angeboten werden. Befolgen Sie die Hinweise zur sicheren Fütterung und beobachten Sie genau auf etwaige Reaktionen.

Warum sind Weizentortillas für Pferde problematisch?

Das Verdauungssystem des Pferdes ist evolutionär auf faserreiches Raufutter ausgelegt, nicht auf konzentrierte Stärkequellen aus industriell verarbeitetem Weizenmehl. Im Dünndarm verfügt das Pferd über eine begrenzte Amylaseaktivität; größere Stärkemengen passieren ihn unverdaut und erreichen den Dickdarm. Dort vergären stärkeabbauende Bakterien den Bolus rasch, produzieren kurzkettige Fettsäuren und senken den pH-Wert. Das verschiebt das Mikrobiom zuungunsten faserverdauender Bakterien, erhöht die Endotoxinlast und kann über eine systemische Entzündungsreaktion eine Hufrehe auslösen – besonders bei Pferden mit Equinem Metabolischem Syndrom (EMS) oder Cushing-Erkrankung (PPID).

Hinzu kommen weitere unerwünschte Inhaltsstoffe: Eine handelsübliche 45-g-Weizentortilla enthält rund 400–500 mg Natrium – für ein Pferd, das seinen Salzbedarf über Minerallecksteine reguliert, eine unnötige Belastung. Pflanzliche Fette und Emulgatoren (z. B. Sojalecithin, Calciumpropionat als Konservierungsmittel) sind keine physiologisch sinnvollen Futterzusätze. Obwohl Weizengluten an sich für Pferde kein bekanntes Allergenrisiko wie beim Menschen darstellt, liefert das Produkt keinerlei ernährungsphysiologlichen Mehrwert gegenüber dem ohnehin im Grundfutter enthaltenen Getreide.

Besonders gefährdete Pferde

Pferde mit EMS, PPID (Cushing), Hufrehe-Vorgeschichte oder insulinämischer Dysregulation sollten Weizentortillas unter keinen Umständen erhalten – selbst kleinste Mengen können einen Hufrehe-Schub begünstigen.

Symptome & Verlauf

Verdauungsstörungen (früh, 30 Min.–6 Std.)
  • Koliksymptome (Scharren, Flankenschauen, Wälzen)
  • Verminderte oder fehlende Darmgeräusche
  • Durchfall oder weicher, abnorm riechender Kot
  • Aufgeblähter Bauch, Unruhe
Alle Lebensmittel ansehen, die diese Symptome verursachen
Hufrehe-Zeichen (verzögert, 12–48 Std.)
  • Verstärkte digitale Pulswelle an den Vorderhufen
  • Typische Entlastungshaltung (Gewicht auf Hinterhand verlagert)
  • Wärmegefühl an der Hufwand
  • Steifer, zögernder Gang auf hartem Untergrund
  • Schwitzen und erhöhte Herzfrequenz bei Schmerzen
Alle Lebensmittel ansehen, die diese Symptome verursachen
Allgemeine Zeichen (unspezifisch)
  • Apathie, vermindertes Interesse am Futter
  • Erhöhte Atemfrequenz
  • Leichte Temperaturerhöhung
Alle Lebensmittel ansehen, die diese Symptome verursachen

Dosis & Schweregrad

Die folgende Tabelle zeigt, wie das Risiko mit der aufgenommenen Menge Weizentortilla – bezogen auf ein durchschnittliches 500-kg-Pferd – zunimmt. Individuelle Faktoren wie Vorerkrankungen verschieben die Schwellen deutlich nach unten.

Kleines Stück (Verkostung)
< 20 g (ca. ½ Tortilla)
Sehr geringes Risiko
Bei gesunden Pferden ohne Vorerkrankung sehr unwahrscheinlich, dass Symptome auftreten
Moderate Menge
20–100 g (1–2 Tortillas)
Vorsicht geboten
Grenzbereich für empfindliche Pferde; Beobachtung empfohlen
Größere Menge
100–250 g (3–5 Tortillas)
Erhöhtes Risiko
Kolikgefahr steigt; bei EMS/PPID-Pferden Hufrehe möglich
Große Menge (z. B. aus Müllkübel)
> 250 g
Hohes Risiko
Sofortige tierärztliche Beurteilung notwendig; Hufrehe-Prophylaxe erwägen

Was tun, wenn Ihr Pferd Weizentortillas gefressen hat?

  1. 1

    Menge einschätzen: Versuchen Sie so genau wie möglich zu rekonstruieren, wie viele Tortillas das Pferd aufgenommen hat – das ist die wichtigste Information für die tierärztliche Ersteinschätzung.

  2. 2

    Raufutter bereitstellen: Geben Sie dem Pferd Zugang zu qualitativ gutem Heu, um die Magenpassage zu fördern und den Puffer-pH im Dickdarm zu stabilisieren. Kraftfutter und weiteres Getreide vorerst weglassen.

  3. 3

    Engmaschige Beobachtung: Überwachen Sie das Tier in den ersten 6 Stunden auf Koliksymptome (Scharren, Wälzen, Flankenblicken) und in den folgenden 48 Stunden auf Hufrehe-Zeichen (Pulswelle, Wärmegefühl am Huf, veränderte Haltung).

  4. 4

    Tierärzt·in kontaktieren: Wurde mehr als eine handvoll Tortillas gefressen oder leidet das Pferd an EMS, PPID oder hatte bereits eine Hufrehe, informieren Sie umgehend Ihre Tierarztpraxis. In Deutschland erreichen Sie den tierärztlichen Notdienst über die jeweilige Landestierärztekammer.

  5. 5

    Keine Hausmittel: Geben Sie keine Paraffin-Öle oder andere Abführmittel ohne tierärztliche Anweisung – falsch eingesetzt können sie mehr schaden als nützen.

Sichere Alternativen

Wer seinem Pferd eine Freude machen möchte, greift besser zu diesen pferdegeeigneten Alternativen:

Karotten (in Streifen geschnitten)

Naturbelassen, faserreich und von den meisten Pferden geliebt – in moderaten Mengen ein unbedenkliches Leckerli

Äpfel (entkernt, klein geschnitten)

Liefern natürliche Fruchtzucker und Wasser; Kerne entfernen, da diese geringe Mengen Blausäurevorläufer enthalten

Getrocknete Hagebutten

Reich an Vitamin C und sekundären Pflanzenstoffen; typisches Naturleckerli in der deutschen Pferdehaltung

Kommerzielles Pferde-Leckerli (zuckerarm)

Speziell auf equine Ernährungsbedürfnisse abgestimmt, mit kalkuliertem Stärke- und Zuckergehalt – besonders sinnvoll für EMS-Pferde

Luzerneheu-Würfel (ungesüßt)

Praktisches, faserreiches Leckerli ohne problematische Zusätze, das gleichzeitig die Darmgesundheit unterstützt

Häufig gestellte Fragen

Mein Pferd hat versehentlich eine einzige Weizentortilla gefressen – muss ich zum Tierarzt?
Bei einem gesunden Pferd ohne Vorerkrankungen ist eine einzelne Tortilla (ca. 40–50 g) sehr unwahrscheinlich, ernsthafte Probleme zu verursachen. Beobachten Sie das Tier trotzdem aufmerksam für die nächsten 6–12 Stunden auf Kolikzeichen und für 48 Stunden auf Hufrehe-Anzeichen (verstärkte Pulswelle am Huf, veränderte Haltung). Leidet das Pferd an EMS, PPID oder gab es früher Hufrehe-Schübe, sollten Sie sicherheitshalber die Tierarztpraxis anrufen.
Warum kann Stärke aus Weizentortillas bei Pferden Hufrehe auslösen?
Das Pferd besitzt im Vergleich zu Monogastriern eine sehr begrenzte Kapazität, Stärke im Dünndarm zu spalten. Übersteigt die Stärkemenge diese Kapazität, gelangt unverdaute Stärke in den Dickdarm, wo sie von Amylolytikern rasch vergärt wird. Die dabei entstehenden organischen Säuren senken den pH-Wert abrupt, was gram-positive Bakterien abtötet und deren Zellwandbestandteile (Endotoxine) freisetzt. Diese Endotoxine gelangen über die Darmschleimhaut ins Blut und lösen eine vaskuläre Entzündungsreaktion in der Huflederhaut aus – die pathophysiologische Grundlage der Hufrehe. Deshalb ist konsequentes Stärkemanagement in der Pferdefütterung so essenziell.
Sind selbst gebackene Weizentortillas ohne Salz und Konservierungsstoffe sicherer für Pferde?
Etwas sicherer, aber immer noch keine empfehlenswerte Wahl. Die salzfreie Version reduziert die unnötige Natriumbelastung und eliminiert Konservierungsstoffe wie Calciumpropionat. Das Kernproblem bleibt jedoch bestehen: Raffiniertes Weizenmehl liefert konzentrierte, schnell fermentierbare Stärke, die das Risiko einer Dickdarm-Dysbiose und in der Folge einer Hufrehe mit sich bringt. Für ein Pferd gibt es schlicht keine physiologisch sinnvolle Grundlage, Tortillas zu verfüttern – egal in welcher Variante.

Quellen & Referenzen

  1. Merck Veterinary Manual, 'Colic in Horses: Digestive Disorders,' Merck & Co., current edition
  2. ASPCA Animal Poison Control Center, Equine Toxicology Reference, 2023
  3. Geor R.J., Harris P., Coenen M., eds. Equine Applied and Clinical Nutrition. Saunders Elsevier, 2013 — Chapter on carbohydrate metabolism and laminitis
  4. Bailey S.R. et al., 'Plasma concentrations of incretins and insulin in a population of healthy horses,' Domestic Animal Endocrinology, 2008
Dra. Carmen Ortega

Über die Autorin: Dra. Carmen Ortega

Veterinär-Ernährungsspezialistin

Diplomierte Veterinärernährungsexpertin mit Fokus auf artgerechte Diäten und präventive Fütterung, Hauptautorin unserer Ernährungsempfehlungen.

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